Die Einleitung entfaltet in vier aufeinander bezogenen Argumentationsschritten eine genealogisch angelegte Neubestimmung des Orientalismusbegriffs. Zunächst wird vor dem Hintergrund aktueller Debatten um einen ‚neuen Orientalismus‘ – im Rückgriff auf Edward Said und die postkoloniale Theoriebildung – Orientalismus als historisch variables Dispositiv kultureller Differenz-, Bedeutungs- und Wissensordnungen profiliert und von einer exklusiven Bindung an moderne Kolonialherrschaft gelöst; dabei wird zwischen ‚Differenz‘ als struktureller Ordnungskategorie und Othering als performativer Praxis asymmetrischer Zuschreibung unterschieden. In einem zweiten Schritt werden mediävistische Positionierungen zwischen Anachronismusverdacht und theoretischer Öffnung exemplarisch diskutiert und Orientalismus als heuristisches Instrument für vormoderne Konstellationen konturiert, ohne diese unter ein modernes Kolonialparadigma zu subsumieren. Drittens wird Rhetorik als kulturelle Praxis der Differenzproduktion ausgewiesen, in der orientalisierende Semantiken rhetorisch, narrativ und affektiv formiert und epistemisch stabilisiert werden. Abschließend werden die Beiträge des Heftes mit dem Schwerpunkt Orientalismus vorgestellt, die vormoderne Differenzdispositive genealogisch analysieren und Orientalismus nicht als epochengebundene Herrschaftsform, sondern als analytische Kategorie historisch variabler Repräsentations- und Ordnungspraktiken einsetzen.
The introduction sets out a genealogical reinterpretation of the concept of Orientalism in four interrelated steps. Firstly, against the backdrop of current debates on a ‚new Orientalism‘ and drawing on Edward Said and postcolonial theory, Orientalism is presented as a historically variable apparatus for the organisation of cultural difference, meaning and knowledge and is freed from an exclusive association with modern colonial rule; this highlights the distinction between ‚difference‘ as a structural ordering category and othering as a performative practice of asymmetrical attribution. The second step is a discussion of exemplary medievalist positions between the suspicion of anachronism and theoretical openness, and Orientalism is presented as a heuristic instrument for premodern constellations, without subsuming them under a modern colonial paradigm. Thirdly, rhetoric is identified as a cultural practice for producing difference, in which orientalising semantics are formed rhetorically, narratively and affectively, and stabilised epistemically. The introduction ends with a presentation of the articles on ‚Orientalism‘ in the journal; these analyse the genealogy of premodern practices of difference and view Orientalism not as an epoch-specific form of governance, but as an analytical category of historically variable representational and ordering practices.
| DOI: | https://doi.org/10.37307/j.1868-7806.2026.01.02 |
| Lizenz: | ESV-Lizenz |
| ISSN: | 1868-7806 |
| Ausgabe / Jahr: | 1 / 2026 |
| Veröffentlicht: | 2026-04-17 |
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