Othering ohne Kolonialismus?
Zum blinden Fleck eines prominenten Konzepts und zu seiner analytischen Reichweite am Beispiel des 16. Jahrhunderts
In den Geistes- und Kulturwissenschaften hat sich seit einiger Zeit der Begriff des Othering als Leitbegriff zur Beschreibung von Konstellationen durchgesetzt, in denen eine unterlegene Gruppe von einer überlegenen herabgesetzt und stigmatisiert wird. Inhaltlich geht der Begriff des Othering auf Edward Saids Buch „Orientalism“ von 1978 zurück, begrifflich geprägt wurde er von Gayatri Chakravorty Spivak in einem Aufsatz von 1984. Seither ist das Konzept des Othering nicht nur in der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus breit verwendet worden. In der großen Zahl von Untersuchungen hat sich jedoch auch gezeigt, dass der Begriff einen blinden Fleck hat, weil er häufig einseitig angewendet worden ist. Von daher bedarf es ebenso einer Reflexion der Begriffsgeschichte wie auch einer analytischen Perspektive, dieOthering und Doing the Other als Prozesskategorien für wechselseitige Stigmatisierungen ernst nimmt. Der vorliegende Aufsatz präsentiert die Möglichkeiten eines solchen Ansatzes an unterschiedlichen Beispielen aus dem 16. Jahrhundert mit einem Schwerpunkt auf den reformatorischen Auseinandersetzungen.
In the humanities and cultural studies, the term ‘othering’ has recently become the dominant concept for describing situations in which a disadvantaged group is demeaned and stigmatised by a dominant group. The content of the term ‘othering’ can be traced back to Edward Said’s 1978 book “Orientalism”, and it was coined by Gayatri Chakravorty Spivak in a 1984 essay. Since then, the term has not only been widely used in the context of colonialism. However, in a large number of studies it has also become clear that the term has a blind spot, because it is usually applied unilaterally. As a consequence, it is necessary to reflect on the history of the term and also to take a more analytical approach which gives serious consideration to othering as a process category for mutual stigmatisation. The current essay presents the possibilities of such an approach using various examples from the 16th century, with a focus on the Reformation debates.
| DOI: | https://doi.org/10.37307/j.1868-7806.2026.01.06 |
| Lizenz: | ESV-Lizenz |
| ISSN: | 1868-7806 |
| Ausgabe / Jahr: | 1 / 2026 |
| Veröffentlicht: | 2026-04-17 |